Ist das Genus der kleine Bruder des Sexus?

Es gibt ihn nicht, den in Serie produzierten Menschen, der mit anderen seiner Sorte im Gleichtakt denkt, fühl und handelt. Manche Leute verfolgen für eine Weile dasselbe Ziel, weil sie mit anderen Personen zusammenkommen, mit denen sie eine Idee oder Teilidee verbindet. Manche Teile dieser Gruppe stehen sich in ihrer Art und Weise näher als andere. Aber sie sind und bleiben Individuen, die auch innerhalb ihrer Fraktion unterschiedliche Meinungen vertreten. Trotzdem sprechen wir von Menschen, die ein gemeinsames Ziel verfolgen immer als Ganzes. Wenn ein Mitglied einer Gruppe etwas sagt, dann münzen wir das auf alle, auch wenn die Handlung oder Aussage der Person gar nicht für die Grundidee steht, die die Gruppe verfolgt. Du redest über Feminismus, also spricht aus dir der Feminismus. Grundlegend hat diese Art der Verallgemeinerung ihren Sinn, denn wer sich einer Gemeinschaft anschließt, der marschiert unter ihrem Banner und sollte sich dessen bewusst sein. Wer zu einer Demonstration erscheint und sich den Demonstranten anschließt, der positioniert sich. Schwierig wird es, wenn jemand Aussagen für ein Bündnis tätigt, mit denen sich dieses als Ganzes nicht identifiziert. Nicht umsonst gibt es bei fast jeder Interessengemeinschaft Splittergruppen. Der Grund dieser Aufspaltung ist meist die Wahl der Mittel.

Ihr habt bei der Erwähnung des Wortes Feminismus im Zusammenhang mit der Überschrift vielleicht schon erahnen können, worum es mir thematisch in diesem Artikel geht. Ich möchte über meine Gedanken zu den Mitteln der Frauenbewegung in Bezug auf die deutsche Sprache schreiben.

Ein kurzer Exkurs: Beim Verfassen dieses Artikels kamen mir Gedanken zur Abgrenzung der Begriffe Feminismus und Frauenbewegung. Es existiert nach wie vor eine negative Belastung des Wortes Feminismus. Ich dachte darüber nach, den Artikel bezüglich der Ursachen aufzustocken. Da mich das allerdings zu weit vom eigentlichen Inhalt dieses Artikels wegführt, werde ich die Gedanken dazu beizeiten in einem anderen Text unterbringen. Nur so viel dazu, ich benutze die Worte Feminismus und Frauenbewegung gleichgestellt, als Beschreibung einer Allianz, die sich für die Gleichstellung der Geschlechter einsetzt und ohne negative Konnotation.

Da ich Autorin bin, denke ich viel über Sprache nach. Sie verändert sich, passt sich an und Gruppen üben meiner Meinung nach erheblichen Einfluss aus. Innerhalb der Veränderungen, die der Feminismus bewirkt, ist der Genus ein diskutiertes Thema. Hunderte von Jahren wurden unsere Worte von der herrschenden patriarchalischen Gesellschaftsstruktur für sich beansprucht und geformt. In der Renaissance- und Barockzeit wurden Personenbezeichnungen mit einer Geschlechtsbedeutung gezielt in Verbindung gebracht. Stereotype der damaligen Vorstellung der Geschlechtermerkmale hielten Einzug in die grammatikalische Ausrichtung unserer Sprache. Das generische Maskulinum wurde als höherwertig eingestuft. Das ist die Grundlage, aus der sich die Diskussion über die Ausgrenzung der Frau in der deutschen Sprache ergibt. Die Frauenbewegung strebt nach Gleichwertigkeit, auch in der Sprache. Dabei verfolgen diejenigen, die sich dieser Bewegung zugehörig fühlen, unterschiedliche Mittel, was die Gleichstellung der Worte anbelangt. Ich nehme vier vorherrschende Strömungen wahr, die ich euch vorstellen möchte. Die Differenzierung, die Neutralisierung, die Umdeutung und die Abschaffung des Genus.

Die Differenzierung

Differenzierungsbefürworter setzen sich dafür ein, dass dem generischen Maskulinum, das vorwiegend für die Singularform von Substantiven verwendet wird, eine Form des generischen Femininums gleichgestellt wird. Neben „dem Direktor“ müsse es „die Direktorin“ geben. Um in Texten beiden Geschlechtern nach dieser These gerecht zu werden, ist mittlerweile das Gender Sternchen gebräuchlich. Statt „dem Direktor“ und „der Direktorin“ heißt es „den Direktor*innen“.

Nachdem unsere Grammatik seit dem 17. Jahrhundert von der Denkweise von Männern wie Justus Georg Schottelius und Jacob Grimm bestimmt wurde, die Ideen der Herleitung des Genus durch biologische Merkmale der klassischen Geschlechterrollen durchsetzten, hat diese Vorgehensweise nachvollziehbare Ansätze. Eine Sprache, die durch solche Vorstellungen geprägt ist, wie die, dass „die Hand“ als kleiner, passiver und empfänglicher als „der Fuß“, weiblich sein müsse, bedarf der Differenzierung, um die Erniedrigung des weiblichen Geschlechts durch den maskulin ausgerichteten Sprachgebrauch auszugleichen.

Ich persönlich kann diesem Ansatz aus verschiedenen Gründen nicht folgen. Gleichstellung bedeutet für mich, dass wir als unterschiedliche Geschlechter zu einer gleichwertigen Gruppe zusammenwachsen. Die grammatikalische Trennung der Bezeichnungen ist für mich eine zusätzliche Aufspaltung der Geschlechter und keine Zusammenführung. Außerdem ergibt sich daraus ein weiteres Problem. Unsere Entwicklung als Gesellschaft hat uns die Erkenntnis gebracht, dass es nicht nur die zwei sichtbaren Geschlechter gibt, in die wir alles kategorisieren. Über die genetische Zuordnung hinaus, spielen psychische und soziale Komponenten der Selbstzuordnung eine Rolle. Trans oder inter Menschen werden bei der Differenzierung nicht berücksichtigt. Wir müssten für alle Substantive ein generisches Maskulinum, Femininum und Neutrum bilden. Mir fehlt beim Differenzierungsansatz generell das Bestreben für Gleichwertigkeit zu sorgen, denn für Worte wie „die Person“ wird nach keinem generischen Maskulinum verlangt.

Die Neutralisierung

Ein anderer Ansatz der Sprachanpassung ist, die Erfindung geschlechtsneutraler Begriffe. Das hätte zum Vorteil, dass mit der Neuschöpfung des Wortes alle Geschlechter mit einbezogen werden würden. Voraussetzung dafür ist, dass die Worte benutzt werden. Sprache verändert sich nur über den Alltagsgebrauch nachhaltig. Bei konstruierten Wörtern funktioniert das selten. Dabei denke ich an die Wortneuschöpfung, um zu beschreiben, dass man nicht mehr durstig ist. „Sitt“ hat sich nie durchgesetzt. Die Frage ist, wie effektiv dieser Ansatz sein kann, vor allem in Anbetracht der Menge an Personenbezeichnungen, die neu erschaffen werden müssten.

Die Abschaffung

Die Nutzung des Genus ist für Sprachen nicht allgemeingültig. Im Deutschen nutzen wir drei Genera. Es gibt Sprachen, deren Grammatik vollkommen ohne Genera konstruiert ist, die nur Substantivgenera nutzen (keine Pronominalgenera), die nur Maskulinum und Femininum kennen oder das Genus nach belebt und unbelebt (Ultrum / Neutrum) trennen. Grammatik folgt den von uns festgelegten Regeln. Es wäre demnach möglich, die deutsche Grammatik zu verändern und die Genera, zumindest für Personenbezeichnungen, zu entfernen. Das würde, ähnlich wie bei der Neutralisierung, eine erhebliche Änderung unserer Sprache voraussetzen. Die Bedingungen so eine Neugestaltung zu konstruieren und durchzusetzen, schätze ich ähnlich schlecht ein, wie bei der Neutralisierungsmethode.

Die Umdeutung

Dieser Ansatz wird häufig als Konkurrenzansicht zum Differenzierungsansatz beschrieben. Bei der Umdeutung geht es darum, wieder den Unterschied zwischen Genus und Sexus gelten zu lassen. Das grammatikalische Geschlecht hat nichts mit dem biologischen zu tun, auch wenn Männer wie Grimm Abhandlungen über die Zusammenhänge verfasst haben. Es gibt viele Argumente, dass die Verknüpfung des Genus mit dem Sexus eine fixe Idee geblieben ist. Die Zuordnung von Oberbegriffen zu Genera ist chaotisch. Nicht alle Katzen sind männlich, das Pferd ist kein Neutrum. Wenn „der Tisch“ durch den Artikel männlich wird, dann dürfte „das Bein“ nicht sächlich sein. „Der Schrank“ bekommt keinen Penis, weil ein „Der“ davorsteht. Demnach widerspricht eine abweichende Zuordnung des Genus vom Sexus dem biologischen Geschlecht nicht. Die Änderung von „Liebe, Schüler“ zu „Liebe Schüler und Schülerinnen“ ist unsinnig. Die Mehrzahl von „Der Schüler“ ist grammatikalisch feminin „Die Schüler“.

Ich finde, dass die Differenzierungsbefürworter durchaus recht haben, dass es trotzdem nicht so simpel sein kann. Die hunderte von Jahren, in denen unsere Grammatik zweckentfremdet wurde, um Frauen klein, weicher, stiller, leidend und empfangend zu machen und den Mann in die größere, festere, raschere, tätigere, zeugende Rolle zu pressen, sind nicht weggewischt, weil wir es gerne so hätten. Das braucht Zeit und einen anhaltenden geschlechtsneutralen Gebrauch von Sprache. Hätten wir bei Amtseinführung des ersten weiblichen Bundeskanzlers weiter Kanzler gesagt, würde das Wort mittlerweile geschlechtsneutral verstanden werden. Denn wenn wir als Gesellschaft dazu in der Lage sind uns einen Zusammenhang zwischen Genus und Sexus aufschwatzen zu lassen, bis es sich als Tatsache anfühlt, dann können wir das anders herum genauso. Ein Beispiel dafür ist für mich die neue Star Trek Reihe. Ich war zu Beginn irritiert, dass die eine Frau Michael heißt. In unseren Breiten ist das ein Name, den Jungen tragen. Mittlerweile kommt es mir nicht mehr seltsam vor, weil ich es gewöhnt bin. Wir sind in der Lage unsere Betrachtungsweise der Dinge zu ändern und Grammatik und Sprache für alle gelten zu lassen.

Der Grundgedanke aller Ansätze ist der gleiche. Wir wollen gleichwertig sein. Jeder Mensch besitzt dieselbe Würde, unabhängig von seinem Geschlecht. Leider wird das Geschlecht in unserer Gesellschaft immer noch als Maßstab für Fähigkeiten und Eigenschaften herangezogen. Wir werden daran gemessen und nicht an unseren tatsächlichen Leistungen und Talenten. Die deutsche Sprache trägt ihren Teil dazu bei. Deshalb ist es keineswegs unsinnig, über eine Veränderung zu diskutieren und uns zusammenzuschließen, um diese zu erreichen. Das ist ein Grundgedanke der Frauenbewegung / des Feminismus. Sprache ist eines unserer Werkzeuge, um uns zusammenzubringen oder uns zu spalten. Ich für meinen Teil, werde dran bleiben Bezeichnungen und Konventionen das Geschlecht streitig zu machen. „Die Hose“ und „der Rock“ sind meiner Meinung nach für alle da.