Game over – Filmrezension zu Ready Player One

Handlung: Kids aus dem Jahre 2045 jagen in der Virtual Reality Oasis dem Erbe des Erschaffers hinterher und versuchen die gewinnorientierte Firma IOI daran zu hindern, die Open Source Software dazu zu benutzen noch mehr Menschen zu versklaven.

Ich habe Ready Player One gesehen, nachdem ich das Hörbuch gehört habe. Beim ersten Mal Schauen war ich sehr überrascht, wie entfremdet die Filmhandlung ist. Der grundlegende Nerdcharme wurde radikal heruntergebrochen, die Handlung mit Aktion aufgeplustert, die Charaktere verfremdet und alles auf den jungen Zuschauer angepasst. Der Film hat meiner Meinung nach kaum noch etwas mit dem Buch zu tun. Ich habe versucht, beides getrennt zu beurteilen, doch das gelingt mir nicht.

Was mir am Buch so sehr gefallen hat, war die Nostalgie, die ich empfand, weil ich so viel wiedererkannte, was in meiner Kindheit und Jugend eine Rolle gespielt hat.
Im Film ging es mir nicht unähnlich, weil die Macher die Avatare mit all den Charakteren gefüllt haben, von denen bestimmt jeder, der Filme schaut oder Spiele spielt, eine Handvoll kennt. Allerdings war es ein schrilles und buntes Sammelsurium, das sich hauptsächlich auf aktuell bekanntes konzentriert hat. Der 80er Jahre Charme, der das Buch ausgemacht hat, war kaum zu finden. Damit sind wahrscheinlich nicht genug Zuschauer in die Kinos zu locken, vor allem kaum junges Publikum.

Die ganze Jagd nach den Schlüsseln ist im Buch eine Knobelaufgabe, die mit Pen and Paper und vielen anderen Nerdsachen zu tun hat. Wade und die anderen spielen alte Konsolenspiele, stellen alte Filme nach. Im Kinostreifen geht es nicht um die Hingabe der Nerds. Die Aufgaben sind actionreiche Autorennen und Verfolgungsjagden durch Horrorhäuser. Das bricht die Vorstellung der Allgemeinheit auf den Blickwinkel herunter, mit dem Videospieleliebhaber oft betrachtet werden, die gewaltbereiten Adrenalinjunkies, die hirnlos durch die Gegend ballern und alles schrotten.

Ein weiteres Manko war die Darstellung der Oasis an sich. Die Virtual Reality ist im Buch ein fester Bestandteil der Welt geworden. Die Leute gehen dort zur Schule. Sie stehen nicht morgens auf und fahren ins Büro (Benzin gibt es kaum mehr, also auch so gut wie keine fahrbaren Autos), sie setzen sich auf ihre Couch und loggen sich in die Oasis ein, um im virtuellen Büro zu erscheinen. Von diesem Teil der Oasis sieht man im Film nichts. Die digitale Welt wirkt wie eine Spaßlandschaft, von den Zwangsarbeitern (die aber auch nur für die Spieleinteraktion eingesetzt zu werden scheinen) mal abgesehen. Deswegen fällt das Problem zum Ende des Films auch nicht weiter auf, als Wade und Sam verkünden, die schließen die Oasis immer dienstags und donnerstags. Was macht das schon? Ist im Film ja schließlich nur Spielen.
Diese Diskrepanz der Grundhaltung und der Bedingungen zwischen Buch und Film verschiebt die Betrachtung der virtuellen Realität. Es ist im Film etwas für Spinner, die mit der realen Welt nichts mehr anzufangen wissen und es ist erstrebenswert sie zu lehren wieder in die Wirklichkeit zurückzukommen. Sehr bezeichnend dafür ist auch in der ersten Szene die Drohne, die Pizza in die Stacks liefert. So schlecht scheint es den Leuten da ja nicht zu gehen.
Im Buch schaut das ganz anders aus. Sie Stacks sind die Slums, wo Leute wohnen, die nichts mehr haben. Sie prügeln sich um Essensmarken. Wades Tante hat ihn nur aufgenommen, um seine einzukassieren. Er sucht sich seine Ausrüstung aus dem Müll, repariert Schrott, um nicht zu verhungern. Die Welt ist teilweise verseucht und die Ärmsten der Armen haben nur eines, was sie frei bekommen, nämlich den Zugang zur Oasis. So ist es im Film wirklich toll anzusehen, wie Wade und Sam in ihrem schicken Loft knutschen und großzügig zwei Tage den Zugang sperren, damit alle sich wieder der echten Welt zuwenden, in der sie nichts haben, als den Dreck unter ihren Fingernägeln. Sehr sympathisch.

Inakzeptabel ist auch das Charakterdesign. Wade ist ein dicker Junge und hat später sogar eine Glatze. Sam hat eine barocke Figur und Daito ist dürr und picklig. Im Film sind alle super schick und in der Oasis sind sie dünner als dünn, mit riesen Augen. Das stieß mir richtig sauer auf.
Wade ist im Buch wirklich smart und begabt. Er ist nicht einfach nur ein Gamer, er hat technische Fähigkeiten, kann Hardware reparieren, sich in Software einhaken. Dazu ist er ein Nerd in allen Lebenslagen. Diese ganze Hingabe wird im Film zu einem Splin degradiert und außer mit seinem DeLorean herumzucruisen und seine Haare mystisch wehen zu lassen, kann er nichts.

Einer der schlimmsten Sätze im ganzen Film war für mich „Willkommen beim Widerstand.“ Was für ein Widerstand? Die Protagonisten sind normale Leute, Kids aus verschiedenen Regionen der Welt, die sich in der VR zufällig finden. Statt einen positiven Blick darauf zu werfen, wie die Oasis die Welt zusammenbringt und, dass gewöhnliche Menschen für das Richtige einstehen und einander beeinflussen, wird der Widerstand in der realen Welt gebraucht. Die Botschaft des Films war, komm hinter deinem Computer hervor, geh an die Sonne, Einzelgänger müssen lernen gruppentauglich zu werden, die digitale Welt und die reale gehören nicht zusammen und nur die reale ist gut, die andere bloß Spielerei.

Der Film ist eine Ohrfeige für echte Nerds und erhält den Status quo, was die Betrachtungsweise von Videospielen als verrückte, aggressive und teils schädliche Beschäftigung angeht.

Meine Meinung zum Buch: Nur für Fans.