Dienstag
Treffen mit Björn
Amba sprang durch die sich schließenden Türen in den U-Bahn-Wagen. Der Alarmton verklang und während sie sich an der Stange im Gang festhielt und Atem schöpfte, fuhr die Bahn ruckartig an. Die Leute um sie herum – Menschen und Naturgeister gleichermaßen – widmeten sich bereits wieder anderen Dingen. Die Feenwesen verhielten sich nicht anders als die Menschen, bewegten sich unerkannt unter ihnen, aber Amba konnte ihresgleichen an der Aura ausfindig machen.
Während sie sich umsah, erhaschte sie einen kurzen Blick auf ihr Spiegelbild in den Scheiben der Bahn und strich über ihren unordentlichen Pferdeschwanz. Peinlich berührt zog sie das Gummi aus den Haaren und fuhr durch die glatten schwarzen Strähnen, die denen ihres Vaters glichen. Auch ihre hellbraune Haut mit goldgelbem Unterton entsprach der ihrer nächsten Verwandten. Familienähnlichkeit kam bei Naturgeistern häufig vor, auch wenn Feenwesen im Gegensatz zu Menschen ihre Form weitgehend frei gestalten konnten, wenn sie einen Körper manifestierten. Nur Ambas helle grüne Augen waren individuell, denn außer ihr hatten sich ihre Verwandten alle für braune Augen entschieden. Aber Geister gestalteten nicht alles an ihren Körpern nach ihrem Willen. Die Hüllen entfalteten sich in all ihrer Vielfalt und die Natur streute bei ihrer Erschaffung alle möglichen Varianten mit ein, die das Leben erst facettenreich und spannend machten.
Amba nahm ihre Brille ab, um sie an ihrem Hemdsaum sauber zu reiben. Sie wollte bei ihrer Verabredung einen ordentlichen Eindruck machen. Da sie für die Putzaktion beide Hände brauchte und in der ruckelnden Bahn nicht stürzen wollte, ließ sie Energie in ihre Füße strömen, die ihr Halt gab, als würde sie Wurzeln schlagen. Als ihr Handy zwitscherte, setzte sie das Gestell rasch wieder auf und griff in ihre Umhängetasche aus Stoff. Mit klopfendem Herzen fragte sie sich, ob es Björn war, der kurzfristig absagen wollte, und konnte sich nicht entscheiden, ob sie über so eine Nachricht enttäuscht oder erleichtert sein würde. Aber es war ihre Freundin Isa, die ihr geschrieben hatte.
Alles gut bei dir?
Amba lächelte. Obwohl Isa gerade bestimmt von jeder Menge feiernder Leute umgeben war, vergaß sie nicht, Amba auf dem Weg zu ihrem Date Rückendeckung zu geben.
Ich bin noch in der Bahn.
Um sich zu beruhigen, atmete Amba tief ein. Für ihren Geschmack war sie gerade zu sehr auf Adrenalin und hoffte, dass es hauptsächlich daran lag, dass sie gesprintet war, um die U-Bahn zu erwischen.
Nervös?
Ein bisschen.
Blind Dates waren nervenaufreibend. Aber Björn klang nett. Sie schrieben schon eine Weile miteinander und seit er in Berlin war, hatten sie einige Male telefoniert, bevor sie sich verabredet hatten. Amba hielt ihn für erquickliche Gesellschaft. Außerdem lebte er in Schweden und war nur vorübergehend in der Stadt, weshalb es leicht sein würde, ihn nie wiederzusehen, falls er doch ein Reinfall wäre.
Ich bin hier, wenn was ist. Hab Spaß.
<3
Amba spähte aus dem Wagenfenster und erkannte die hell gekachelte Station mit den grasgrünen Rauten, an der sie aussteigen musste. Ihr Herz machte einen kleinen Hüpfer, aber die Erinnerungen an die sympathischen Gespräche mit Björn schmolzen jedes Zögern.
Sie schaltete das Display aus, steckte das Handy in ihre Tasche zurück und verließ den Zug. Die Reste ihrer Wurzelenergie waberten hinter ihr her. Naturgeister konnten Feennebel spüren, Ambas Baumgeistwitterung identifizieren, wenn sie sich konzentrierten. Manche würden sogar die Baumart – den Salbaum – erkennen können, die das Gefäß für ihre Energie war. Für Menschen würde sich die Restenergie wie ein kalter Luftzug anfühlen.
Der Bahnsteig war mittelmäßig voll, wie meist um diese Zeit in der Mitte der Stadt. Es war einer von den älteren, engeren, in denen die Gleise in verschiedene Richtungen durch dicke Mauern voneinander getrennt waren und die über unterschiedliche Zugänge betreten werden mussten. Touristen, Pendler und die ersten Leute, die Berlins Nachtleben suchten, waren unterwegs. Genau die richtigen Umstände für ein unverbindliches Treffen unter der Woche, das nicht allzu spät werden sollte. Der gelbe Zug fuhr polternd davon.
Amba presste die Lippen aufeinander, um ihre flatternden Nerven zu beruhigen. Mit schnellen Schritten verließ sie den Bahnsteig und inhalierte die kühle Straßenluft. Es roch nach Bäumen, Autos, Stein und dem beginnenden Herbst, der gerade warm genug war, um noch keine Jacke zu brauchen.
Hier im Zentrum waren die Straßen breit und moderne Glasbauten ragten hoch auf. Vom Altbau-Hinterhof-Charme der älteren Bezirke Berlins, den Amba so mochte, war wenig zu sehen. Sie marschierte die Straße entlang, die noch nicht ganz im Dunkeln lag, aber schon von Laternen beleuchtet wurde. Amba hörte das vertraute Wispern der Rotbuchen, des Zimt-Ahorns, der Felsenbirnen und Silber-Linden aus der Umgebung.
Als sie das Café erreichte, ertappte sie sich dabei, wie sie den Hals reckte, als könnte sie so über die Leute, die hinter der Scheibe an den Tischen saßen, hinwegsehen und Björn erspähen. Dabei war sie sich nicht einmal sicher, ob sie ihn überhaupt erkennen würde, denn bislang kannte sie nur Fotos und seine Stimme. Sein sanfter Bariton war es dann auch, der sie plötzlich überraschte.
»Amba?«
Sie wandte sich um und war von der Person, die sie freundlich anlächelte, erstaunt. In der Realität wirkte Björn breiter und größer als auf den Fotos. Doch die runden Gesichtszüge des weißen Mannes, mit buschigen Augenbrauen, einem Dreitagebart und dunkelblonden, wuscheligen Haaren auf dem Kopf, kamen ihr vertraut vor.
»Hallo, Björn. Schön, dich zu treffen.« Sie strich sich über den Pferdeschwanz.
Sein Lächeln wurde breiter und ihr fielen seine schönen Zähne auf, weiß, gerade, die Eckzähne breiter und etwas spitzer als bei Menschen, typisch für Bärengeister.
»Gleichfalls.« Einen Augenblick lang standen sie unbeholfen voreinander, nicht sicher, wie viel Intimität angebracht wäre. »Wollen wir reingehen?«
Als er zur Tür wies, witterte Amba seinen angenehmen Geruch nach Holz und Laub. Björn gefiel ihr auf den ersten Blick so gut, dass sie, als sie voranging, um das Café zu betreten, hoffte, ihm würde ihr Feenduft ebenso zusagen.
Der Gastraum war klein, hell und modern, ideal, um jemanden zu treffen, den sie nicht wirklich kannte, auch wenn sie bei Björn nicht das Gefühl hatte, auf diese Sicherheit angewiesen zu sein. Sie wählte einen Zweiertisch am Fenster aus, sodass sich Björn nur ihr gegenübersetzen konnte. Auch wenn es ihr selbst noch nie passiert war, dass sich ein Date neben sie gesetzt hatte, um sie ungebeten unter dem Tisch zu befummeln, grassierten in ihrem Freundeskreis Schilderungen über diverses sonderbares Verhalten, gleichgültig ob Mensch oder Naturgeist.
Björn schien der Platz recht, denn er blickte sich zufrieden um, während er sich setzte. »Gefällt mir hier.«
Sein Wohlbefinden in dieser Umgebung war nicht selbstverständlich, da dieses Café nicht nur von Naturgeistern wie ihnen genutzt wurde, sondern auch von Menschen. Manche Feenwesen blieben lieber unter sich, vor allem, wenn sie zu den Flora- und Fauna-Empathen gehörten, so wie Amba und Björn. Tier- und Pflanzenfeen fiel es nicht immer leicht, sich unter die Menschen zu mischen, so wie Elementaren oder Erdgeistern. Amba selbst mochte die Menschen nicht mehr oder weniger als Wesen ihrer eigenen Art. Ihr kam es auf den Charakter an. Dass Björn ebenso empfand oder sich zumindest nicht vor Menschen scheute, war ein Pluspunkt.
Er schien ähnliche Gedanken verfolgt zu haben. »Finde ich gut, dass du keine Isolationistin bist.« Lächelnd nahm er sich die Karte, die in einem Halter auf dem Tisch stand.
»Wir sind mitten in Berlin«, sagte Amba. »Da bin ich irritiert, wenn ich Isos treffe.« Aber auch das kam vor. Meist waren sie Prediger, die von der Abkehr von der Menschenwelt überzeugen wollten.
»Die Menschen haben ihre Zeugen Jehovas, bei uns sind es Isos.« Er warf ihr einen schalkhaften Blick zu, bevor er die Karte weglegte. »Weißt du schon, was du willst?«
Amba nickte. »Eine heiße weiße Schokolade wäre schön.« Sie dachte darüber nach, etwas zu essen zu bestellen, doch sie wollte nicht aufdringlich wirken und beschloss abzuwarten, was er ordern würde.
Björn suchte Blickkontakt zur Bedienung, einem schlanken weißen, jungen Mann mit menschlicher Aura, ließ Amba ihre Order aufgeben und bestellte einen Kaffee dazu. Eine schlichte Wahl, die nicht viel Zeit zu zweit versprach. Entweder zögerte er genau wie sie oder wollte nicht lange bleiben. Sie spürte Enttäuschung in sich aufkeimen. Doch das Klingeln ihres Handys lenkte sie ab und der Jingle verriet ihr, dass es Ramona war, ihre Kollegin aus dem Büro und Freundin.
»Der Rettungsanruf?«, fragte Björn.
Sie zog eine Augenbraue hoch, überrascht, dass er sich in Absicherungsfragen von Frauen ein wenig auszukennen schien, aber keineswegs peinlich berührt war. Vorsicht war besser als Nachsicht. Bei Björn fühlte sich Amba allerdings gut aufgehoben. »Vermutlich was Berufliches«, erklärte sie, drückte den Anruf weg und schrieb in den Chat:
Beschäftigt.
Ramonas Antwort wartete sie nicht ab, dafür hatte sie später noch genug Zeit. Sie wollte sich viel lieber mit Björn unterhalten und ihr Herz beruhigen, indem sie Gemeinsamkeiten mit ihm entdeckte. Ein, zwei berufliche Details wusste er durch ihre Telefonate.
»Ich bitte um Verzeihung, dass ich dich so spontan an einem Werktag um ein Treffen gebeten habe.« Er zögerte und lächelte verlegen. »Ich wollte dich so gerne von Angesicht zu Angesicht sehen.«
Angenehme Wärme stieg ihr in die Wangen und sie knetete ihre vor Aufregung kalten Hände unter dem Tisch.
»Hast du schon etwas wegen deiner Versetzung gehört?«
Ihr gefiel, dass er sich beiläufig erwähnte Details zu merken schien, wie ihr Wunsch, die Abteilung zu wechseln. »Noch nicht. Es wäre grandios, endlich in die Produktentwicklung übernommen zu werden.« Sie wollte so gerne mehr tun, als Kosmetik auf Verträglichkeit zu prüfen.
Björn zeigte seine schönen Zähne. »Ich finde das immer noch lustig, dass du als Baumgeist ausgerechnet für einen Konzern arbeitest.«
»Kosmetikkonzern. Salbäume werden nicht umgeholzt, um Körperbutter aus ihnen zu machen. Und in einem Tech-Feen-Konzern gibt es auch keine Probleme mit Tierversuchen, Monokulturen, Pestiziden oder der Rodung von Pflanzen.«
»Da hast du recht. Im Grunde sollte es mehr Konzerne von Naturgeistern geben, in allen Bereichen, und ihr zunehmender Einfluss in menschlichen Unternehmen kann auch nur gut sein.«
Sie nickte. »So sehr Isolationisten die Tech-Feen auch für ihre Menschenorientiertheit verfluchen mögen, sie sind es, die all die Verbesserungen für den Umwelt- und Tierschutz durchgebracht haben.« Denn das war es, worauf sich die Tech-Feen konzentrierten, die Wirtschaft und Technik der Menschen mit der Natur kompatibel einzurichten. Sie glaubten daran, dass die Vorteile beider Welten alles besser machen konnten.
Björn lehnte sich entspannt auf seinem Stuhl zurück. »Es lässt sich vieles bewegen, wenn wir mit und nicht gegen Menschen arbeiten, definitiv.«
Amba schob ihre kalten Hände unter ihre Oberschenkel und wünschte sich, sie wäre so gelassen, wie Björn zu sein schien. Weil sie nicht wirken wollte, als starre sie ihn an, blickte sie durch die Glasfront neben ihnen, auf die Straße. Noch immer waren einige Leute unterwegs, allerdings weniger als noch vor einer halben Stunde. Es herrschte die kurze Zeitspanne, in der die Tagaktiven verschwanden, bevor die Nachteulen munter wurden.
»Und wie findest du Berlin bisher?« Soweit sie sich erinnerte, kam Björn aus einer ländlichen Gegend in Schweden. Größeren Tierfeen waren Städte meist zu laut und zu eng. Üblicherweise siedelten sich eher Kleintiergeister zwischen Hochhäusern an.
»Überraschend grün. Ich bin sehr angetan. Allerdings habe ich noch nicht viel sehen können, da ich meine Eltern geschäftlich begleite.«
Etwas in der Art hatte er geschrieben, als er seinen Besuch in Berlin angekündigt hatte, war aber nicht spezifischer darauf eingegangen. Als er die Umstände ihrer geschäftlichen Tätigkeiten auch jetzt nicht näher ausführte, fragte Amba nicht nach. Sie wollte nicht aufdringlich und neugierig erscheinen, auch wenn es sie durchaus interessierte.
»Vielleicht hast du Lust und zeigst mir deine Stadt ein wenig«, schlug er vor.
Sie spürte, wie sich ihre Freude in ihrem Gesicht spiegelte, als sie lächelte, doch bevor Amba antworten konnte, erschien die Bedienung mit ihren heißen Getränken. Höflich nahmen sie die Tassen entgegen. Da das Café noch frühabendlich gering ausgelastet war, wirkte der junge Mann ganz entspannt und nahm sich Zeit. »Darf es sonst noch etwas sein?«
Björn blickte Amba fragend an und sie beschloss aus einem mutigen Impuls heraus, das Wagnis einzugehen und durch das Ordern einer Mahlzeit ihre Bereitschaft für ein längeres Treffen zu signalisieren, auch auf die Gefahr hin, dass sie mit dem Essen alleine bleiben würde. »Ich hätte gerne die Gnocchi mit Tomate.«
»Für mich auch. Vielen Dank.«
Seine simplen Worte fluteten Ambas Körper mit Euphorie. Er wollte zum Essen bleiben, ein gutes Zeichen.
»Alles klar.« Die Bedienung steckte ihr Tablet in die Schürze und ging.
»Ich würde mich freuen, wenn du Lust hättest, mich etwas herumzuführen«, knüpfte Björn an ihren Gesprächsfaden an und dieses Mal hatte Amba die Zeit, sich geschmeichelt zu fühlen. Wieso hatte sie sich überhaupt Sorgen darüber gemacht, ob er nach einem Kaffee die Flucht ergreifen wollte, weil sie ihm nicht sympathisch war? Sein angetaner Gesichtsausdruck, seine zugewandte Körperhaltung und auch seine vielversprechende Wortwahl zeigten deutlich, dass er interessiert war. Die Frage war nur, an was und wie viel und ob sie beide das Gleiche erhofften. Während ihr all diese Fragen durch den Kopf schossen, wusste Amba nicht, wie sie Antworten hervorlocken sollte, ohne sich dabei unbeholfen zu fühlen. Isas Worte kamen ihr in den Sinn, dass Dating, wie fast alles, eine Sache der Übung war, und Amba stand deutlich vor Augen, dass sie Training gebrauchen konnte. Ihre letzten Verabredungen waren eine Weile her.
»Ich zeige dir Berlin sehr gerne, wenn du magst. Weißt du schon, wie lange du bleibst?«
Er kniff nachdenklich die Augen zusammen. »Ich schätze, bis zum Ende des Monats, aber bestimmt nicht länger als fünf Wochen.«
Ein guter Zeitrahmen sich kennenzulernen. Falls nichts aus ihnen werden sollte, würde er sich nach den fünf Wochen angenehm unkompliziert in Luft auflösen. Die Frage, was passieren würde, wenn sie etwas füreinander zu empfinden begannen, verschob Amba auf den Zeitpunkt, wenn es so weit war.
»Da fallen uns bestimmt ein paar Dinge ein, die wir zwischendurch machen können.« Sie sah ihn warm über ihre Tasse hinweg an und er erwiderte den Blick. Ihr Atem beschleunigte sich. Das würden interessante Wochen werden.
Dann kam das Essen und als ihr der köstliche Geruch der Gnocchi in die Nase stieg, knurrte ihr Magen fordernd.
»Hm, das schaut gut aus.« Björn genoss den ersten Bissen.
Als die Tomatensauce Ambas Zunge berührte, konnte sie nicht verhindern, dass es um sie herum zu rascheln begann, als würde Wind eine belaubte Baumkrone bewegen.
Björn blickte auf. »Entschuldige.«
Sie legte den Kopf schief, während sie kaute. »Wofür?«
»Wenn ich geahnt hätte, wie hungrig du bist, hätte ich meinen Stolz draußen gelassen und gleich etwas zu essen bestellt.« Er lachte beinahe schüchtern. »Ist nicht so einfach mit dem gegenseitigen Taxieren, nicht wahr?«
Sie lächelte. »Wer wagt sich schon gerne aus der Deckung?« Dann beförderte sie zufrieden die nächste Gabel Gnocchi in ihren Mund und schätzte das Gefühl warmer Nahrung, die in ihren Bauch wanderte. Essen war einer der Genüsse, die es für Naturgeister so verlockend machte, eine Lebensspanne in einem menschlichen Körper zu verbringen.
»Und dabei dachte ich, den Schritt des Auslotens hätten wir durch die Telefonate schon gemeistert.« Er lachte tief und ehrlich. Amba fand ihn angenehm authentisch.
»Du schienst mir von Beginn an vertraut«, gab sie zu. »Als würden wir uns schon eine Weile kennen.«
»Geht mir bei dir auch so.« Er zögerte. »Vielleicht umschiffen wir deshalb immer die Kernfragen.« Als er sie ansah, war sein Blick forschend und gleichzeitig so offen, dass sie meinte, bis in seinen Geist hineinschauen zu können. Sie hatten beide kein Wort darüber gesagt, was genau sie im anderen suchten, damit sie nicht enttäuscht wurden, wenn sie nicht dasselbe wollten. Die Harmonie zwischen ihnen war zu schön gewesen, um sie aufzugeben. Aber auch Amba wusste, dass es keinen von ihnen weiterbringen würde, ihre Beziehung in der Schwebe zu halten.
»Du möchtest die Karten auf den Tisch legen?« Amba versuchte ruhig zu atmen, während ihr ganzer Körper zu kribbeln begann.
»Ich will mir keine festen Vorstellungen machen, was uns beide angeht, weil vor allem aufgrund der Entfernung einige Fragen anstehen.« Er hob die Hände, als er ihren erschrockenen Gesichtsausdruck bemerkte. »Ich möchte uns alle Möglichkeiten offenhalten, bis ich wieder zurückfahre.« Er hielt kurz inne, als müsse er etwas Mut sammeln. »Ich möchte schauen, ob aus uns etwas Beständiges werden kann.«
In Ambas Brustkorb brach ein wildes Durcheinander an Emotionen aus. Vorherrschend war die befriedigende Aussicht, dass er es ernst mit ihr meinte. Er offerierte ihr so gut wie alles, was sie bei diesem Date zu finden hoffte, und sie liebte die Aussichten. »Das möchte ich auch.«
Das sanfte Blätterrascheln erfüllte die Luft um sie herum, wie leiser Beifall, und erleichtert lächelten sie einander an. Fast erwartete sie, ein Brummen zu hören oder ein anderes Geräusch, was Braunbärfeen so machten, wenn sie starke Emotionen empfanden.
Als er ihren fragenden Blick auffing, sah er sie entschuldigend an. »Braunbären machen so gut wie keine Geräusche, außer sie drohen dir.«
»Dann ist gut«, sagte sie und nahm ihre Tasse auf, um sie zu leeren. Ihre Hände waren nicht mehr kalt und auch wenn ihr Herz immer noch aufgeregte Sprünge machte, hatte sie das Gefühl, langsam zur Ruhe zu kommen. Das hatte allerdings auch seine Nachteile, denn das weichende Adrenalin machte der Müdigkeit nach einem langen Arbeitstag Platz und der volle Magen half dabei noch nach.
Während Björn die letzten Happen seiner Gnocchi aß, musste Amba das Gähnen unterdrücken.
»Sollen wir aufbrechen?«, fragte er, als wüsste er, wie erschöpft sie war. »Ich würde zwar gerne noch eine Weile hier mit dir sitzen, nur muss ich morgen früh raus, fürchte ich.«
»Mein Bett ruft auch schon«, sagte Amba, auch wenn sie wusste, dass es noch eine Weile dauern würde, bevor sie sich schlafen legen konnte. Sie hatte für das Date eine frühere Verabredung mit ihrem Freundeskreis abgesagt und versprochen, zumindest noch kurz auf der Party vorbeizuschauen.
»Darf ich dich einladen?«, wollte Björn wissen, als sie zur Bar gingen. Geschmeichelt stimmte sie zu.
Nach dem Bezahlen blieb ihnen draußen nur noch die Verabschiedung. Ein kurzes Küsschen auf die Wange und sie fuhren mit unterschiedlichen Bahnlinien davon, er in das Hotel, in dem er mit seinen Eltern wohnte, sie zu Isa.
*
Amba kam mit einem Gefühl tiefster Zufriedenheit beim Apartmenthaus ihrer Freundin an. Hier war alles hoch, die Türen, die Fenster, die Decken und selbst simple Dinge wie Sockelleisten wirkten teuer. Ambas Wohngebäude war dagegen überschaubar und schlicht. Mit einem höflichen Nicken grüßte sie die ältere weiße Dame am Empfangstresen in der noblen Eingangshalle. Die elegant gekleidete und streng frisierte Menschenfrau hatte hin und wieder die Abendschicht, sodass die beiden einander vom Sehen kannten, und Amba, ohne aufgehalten zu werden, über den weißen Marmor zum Fahrstuhl gelangte. Sie fuhr zwischen Spiegeln, die ihr Abbild gefühlt ins Unendliche aufbrachen, zum Penthouse hinauf.
Oben wurde Amba von den Geräuschen einer geselligen Runde empfangen. Sie betrat die mit dunklem Parkett ausgestatteten Wohnräume und sah bereits die ersten in den Zimmern verteilten Leute. Die Glaskassettenflügeltüren standen auf allen Seiten offen. In der Überzeugung, Isa dort zu finden, wo sich das Stimmengewirr konzentrierte, lief Amba auf die Terrasse zu. Ab und an grüßte sie jemanden, den sie kannte, nahm sich aber nicht die Zeit, sich in ein Gespräch involvieren zu lassen. »Ich suche Isa«, wimmelte sie alle Versuche geübt ab. Sie war die neugierigen Gäste gewöhnt, denn sie gehörten quasi zur Inneneinrichtung. Egal wann Amba Isa besuchte, sie hatte immer Gesellschaft.
Trotz der zwei Dutzend anderen Leute erspähte Amba ihre Freundin zwischen den gemütlichen Sitzgruppen und grünen Pflanzenarrangements sofort. In einem blauen Kleid, das ihren üppigen Formen schmeichelte, lümmelte sie auf einer Couch zwischen ihrer Partnerin Min, ihrem Arbeitskollegen und Gelegenheitsfreund Alex und einem jungen Mann mit warmer beiger Haut, den Amba nicht kannte. Isa hatte perlweiße Haut, ein süßes, rundes Gesicht und wie so oft fiel ihr eine kecke weißblonde Locke in die Stirn. Mit ihrer Monroe-Frisur wirkte sie wie ein umschwärmter Filmstar.
»Mein Bäumchen!«, rief Isa, als habe sie nach Amba Ausschau gehalten. Mit rosig beschwipsten Wangen erhob sie sich und fiel Amba beglückt in die Arme. »Schön, dass du da bist. Du siehst zufrieden aus. Aber da kann nichts gelaufen sein, wenn du jetzt schon hier bist.«
Amba lächelte milde und sah Isa ihren Fokus auf Sexuelles nach. Gemeinsam ließen sich die beiden zwischen Min und Alex auf die Couch fallen.
Min bot ihr einen Schluck von ihrem Drink an. »Wie lief’s?« Sie trug ihr seidiges schwarzes Haar offen und hatte für diesen Abend einen cremefarbenen Zweiteiler aus Weste und Hose an, der ihren bronzenen Teint hervorhob. Ihre schwarzen Augen, die durch die sichelförmige Hautfalte am Lid elegant geschwungen waren, hatte sie dezent mit Goldtönen geschminkt. Die Menschenfrau wirkte feenähnlicher als manch Geist.
Amba lehnte dankend mit der Hand ab und wies mit dem Kinn auf Mins Kleidung. »Ist das neu?«
Min grinste selbstzufrieden. »Schick, nicht wahr?«
»Sieht super aus.«
»Danke.« Min neigte huldvoll den Kopf und erhob ihr Glas, um gleich darauf daraus zu trinken.
»Und ich?« Isa wies auf ihr hauchdünnes Gewand.
»Ich habe dir zum Kauf schon gesagt, wie famos du darin aussiehst«, erwiderte Amba. Das Kleid war eines ihrer Lieblingsstücke in Isas Garderobe. Sie sah es gerne an ihrer Freundin, weil es die Windfee in ihr unterstrich.
»Zum Anbeißen«, sagte Min und zwinkerte Isa über Amba hinweg zu.
Während die beiden Komplimente austauschten, musterte Amba die Leute auf der Terrasse. Es waren sowohl Naturgeister als auch Menschen unter ihnen, einige kannte sie, andere nicht. Doch erst als sie bemerkte, wie Enttäuschung in ihr aufwallte, realisierte sie, dass sie nach jemand Bestimmtem Ausschau gehalten hatte, der nicht da war.
Alex, ein weißer Menschenmann mit Brille, lenkte sie von ihren Beobachtungen ab, als er sich über Isa beugte, nachdem er dieser einen Kuss auf die Wange gehaucht hatte, um anschließend Ambas Hand zu nehmen und seine Lippen kurz darüber schweben zu lassen. »Hallo und bis später. Ich werde dort drüben gebraucht«, verkündete er, grinste in die Runde, erhob sich und schlenderte davon.
»Er fasst sich endlich ein Herz, sie anzusprechen.« Min klang, als würde sie ihm applaudieren wollen.
Neugierig verfolgte Amba seine Route, um zu erfahren, um wen es ging. Alex hielt auf eine Gruppe Frauen zu, die sich miteinander unterhielten und lachten. Welche genau er offenbar schon eine Weile im Auge haben musste, konnte Amba nicht sagen.
Isa lächelte verschmitzt. »Sie könnte mir auch gefallen. Hoffentlich bringt er sie mit herüber.«
»Oder«, meldete sich der Fremde mit rauchiger Stimme und lehnte sich ungezwungen zu Isa, »du betrachtest noch einmal meine schönen Venen genauer.« Er schob den Ärmel seines weißen Hemds höher, sodass die drei Frauen einen guten Blick auf seinen Unterarm hatten. Isa drückte sich an ihn und strich ihm über die Haut. Dann wandte sie Amba das Gesicht zu, ohne den Körperkontakt mit ihm zu unterbrechen.
»Das ist Filipo. Und das ist meine beste Freundin Amba.«
Sein Lächeln war warm und der Blick aus seinen dunkel umrahmten Augen geheimnisvoll. Ob er Kajal trug oder nicht, konnte Amba nicht sagen. Dafür, dass ihm sein Dutt unheimlich gut stand und zu seinem gepflegten, kurzen dunklen Bart passte. Außerdem war Filipo ein Mensch.
»Die Freundin?«, fragte er, während er Ambas Hand schüttelte.
»Die einzig wahre«, verkündete Isa und fiel ihr selig in den Arm, sodass sie zur Seite kippten und Amba halb auf Mins Schoß landete.
Min trank aus ihrem Glas und strich Isa über Amba hinweg eine Locke aus dem Gesicht. »Also sei gut zu ihr.« Ein kecker Blick traf Filipo. »Sie ist unsere Schweiz.«
Neutraler Boden war Amba tatsächlich hin und wieder. Zumindest dann, wenn es unter den festen Beziehungen, die Isa pflegte, Streit gab, der einer objektiven Meinung bedurfte.
Filipo zog die getrimmten Augenbrauen hoch. »Das merke ich mir.«
Amba lächelte, nicht sicher, wie sie auf so viel Aufmerksamkeit reagieren sollte. Und da sie nicht wusste, was Isa ihm bereits erzählt hatte, fragte sie sich, ob es nötig sein würde, ihn darüber aufzuklären, dass sie in Sachen Beziehung nicht so offen und vielfältig agierte wie ihre beiden Freundinnen, bevor er auf die Idee kam, ein Quartett im Bett zu organisieren.
Isa richtete sich auf und hob einen mahnenden Finger. »Jetzt macht meine Schweiz nicht verlegen.«
Filipo salutierte. »Verstanden. Hat die Schweiz vielleicht Hunger?«, erkundigte er sich freundlich an Amba gewandt. »Ich wollte mir eines von den Sandwiches holen. Möchtest du auch?«
»Sehr lieb«, antwortete Amba. »Aber ich habe gegessen.«
»Ich möchte«, sagte Min und erhob sich, um ihn zu begleiten. Sie nahm Filipos Arm und schob ihn vorwärts. »Das Date«, hörte Amba sie noch sagen, bevor die beiden nach drinnen verschwanden.
»Ach ja.« Isa legte ihre Hand auf Ambas Schulter und ihr Kinn direkt darauf, sodass ihr süßlich alkoholisch riechender Atem Ambas Wange streichelte. »Wie war’s?«
Amba lehnte sich mit Isa zurück und kuschelte sich grinsend in die Sofakissen. »Nett. Er ist angenehm.«
»Das klingt nicht sehr aufregend.« Sie pikste Amba in die Wange. »Aber was hat dieses Lächeln zu bedeuten?«
»Es war nervenaufreibend und entspannt gleichermaßen. Er ist in Persona ganz genauso wie per Mail oder bei den Anrufen.«
Isa lehnte sich zurück und nippte an ihrem Drink. »Ja, dann lief es wohl gut. Und, seht ihr euch wieder?«
Feixend verkniff sich Amba die Antwort und ließ ihre Freundin zappeln. Isa war so sagenhaft neugierig, dass es ihr große Freude bereitete, sie ein wenig hinzuhalten.
»Jetzt sag nicht Nein.« Isa zog eine Schnute.
In dem Moment wurde Amba von einer Bewegung bei den Glastüren abgelenkt. Sie sah Imran zwar nur aus dem Augenwinkel, doch seine Bewegungen waren ihr so vertraut, dass sie ihn gleich erkannte. Ihr Herz machte einen Hüpfer, noch bevor sie den Kopf drehte und zusah, wie er auf die Dachterrasse kam, die lockigen schwarzen Haare offen um sein Gesicht gekringelt und die Hände in die Taschen seiner schwarzen Jeans gesteckt. Seine hellbraune Haut mit olivfarbenem Unterton glänzte warm im Schein der Terrassenlaternen. Er blickte eher beiläufig als auf der Suche zu Isa hinüber, doch sobald er Amba entdeckte, breitete sich ein Lächeln auf seinen Zügen aus und er schlenderte auf sie zu. Amba genoss das spannungsgeladene Gefühl, das sich in ihrem Körper aufbaute, während er sich näherte. Als er sich neben sie fallen ließ, bescherte er ihr ein loderndes Hochgefühl und seine Präsenz wärmte ihre Seite, obwohl ein paar Zentimeter Luft zwischen ihnen waren. Ob es an seiner Kupfergeistenergie lag oder ihrer Aufregung, konnte sie nicht genau sagen. Augenblicklich hüllte sie sein angenehmer Geruch ein, frisch wie ein Bergquell und würzig wie Kräuter, die am Wasser wuchsen. Sie spürte, wie ihre Ohren heiß wurden.
»Hi.«
Sie bekam keinen Ton heraus vor lauter Schmetterlingen in ihrem Bauch und nickte atemlos.
Mit einem Seitenblick auf Isa fragte er: »Wie war das Date?«
Als hätte er einen Eimer kaltes Wasser über ihr ausgeschüttet, plumpsten alle Flatterviecher in ihrem Inneren zu Boden. Das Letzte, was sie wollte, war, mit Imran über Björn zu sprechen.
»Es scheint ein Treffer zu sein.« Die Zufriedenheit über den Erfolg war Isa anzuhören. Sie freute sich darüber, dass Amba vielleicht mal wieder Glück in Sachen Romantik bevorstand.
Imran zog eine Augenbraue hoch und wandte Amba seine volle Aufmerksamkeit zu, sodass sie den Impuls unterdrücken musste, die Luft anzuhalten. Was er sich dachte, konnte sie nicht sagen. Er war eigentlich nicht der neugierige Typ, der sich nach den Verabredungen seines Freundeskreises erkundigte. Wieso er es heute Abend tat, konnte sie sich nicht erklären. Vielleicht lag es daran, dass sie im Gegensatz zu den anderen selten etwas zu diesem Thema von sich aus preisgab.
Amba räusperte sich und stibitzte Isas Drink, um ihre Kehle zu befeuchten. »Ich hatte einen schönen Abend.« Dann wandte sie sich ab, um das Glas in einem Zug zu leeren, und erhob sich vom Sofa. »Ich gehe nachfüllen«, sagte sie, das Glas noch in der Hand. Doch als sie die Flucht ergreifen wollte, überraschte Imran sie erneut, indem er sich ebenfalls vom Sofa löste und Isas Glas an sich nahm. Ganz kurz strichen dabei seine Finger über die von Amba. Hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, die Berührung andauern zu lassen und die Hand so schnell wie möglich zurückzuziehen, damit er von ihrem ersten Impuls nichts mitbekam, verpasste sie es, den Kontakt auszukosten.
»Long Island Ice Tea?«
Amba war mit ihren Gedanken noch bei der Wärme seiner Fingerspitzen, sodass sie einen Moment brauchte, um zu begreifen, dass die Frage an sie ging.
»Ohne Long Island heute.«
Amba sah ihm nach, während er hineinging, den Wunsch, ihm zu folgen, dicht unter ihrer Haut. Es war ein Kribbeln, angereichert mit unerfüllter Sehnsucht und Nostalgie, das sie zum Seufzen brachte.
»Was für ein Gentleman.« Isa grinste beglückt.
»Er liebt dich eben«, verkündete Min, die hinter dem Sofa vorbeischwebte und zärtlich über Isas Schulter strich. »Wie wir alle.« Min hielt nicht inne, um sich erneut zu Isa zu setzen, sondern ging zu einer anderen Gruppe Leute, die sie anvisiert hatte.
»Lass mich hier nicht so alleine«, beschwerte sich Isa und zog Amba zurück neben sich in die Kissen. Doch aus irgendeinem Grund fühlte sich Amba gerade untröstlich. Ohne von der Zerrissenheit ihrer Freundin etwas zu ahnen, kuschelte sich Isa an Amba, den sanften Rausch ihrer Drinks ausatmend. »Gut aussehen tut er ja.«
Amba dachte an Imrans festen Gang und daran, wie seine Löckchen bei jedem Schritt wippten, wenn er sie offen trug. »Ja.«
»Ich liebe breite Schultern.«
Amba zog die Augenbrauen hoch, während sie Imrans schmale Statur mit ihrer Vorstellung von breiten Schultern verglich. »Von wem reden wir?«, fragte sie vorsichtshalber.
»Deinem Date«, antwortete Isa indigniert.
Amba blinzelte ertappt, auch wenn sie sich nur selbst erwischt hatte.
»Ich liebe Muskeln.« Isa formte mit ihren Händen imaginäre Muskelpakete in der Luft, die sie streichelte.
Vielleicht war es keine gute Idee gewesen, Isa seine Fotos zu zeigen. »Wie schön, dass Björn deinen Ansprüchen gerecht wird.«
»Auf eine robuste und rohe Art.« Isa legte ihren Kopf in Ambas Schoß und streckte die Beine auf dem Sofa aus. »Wie lange bleibt er denn hier? Ist genug Zeit, dass er deine Knospen zum Blühen bringt?«
»Hey.« Amba zupfte an den Locken der fröhlich kichernden Isa.
»Ist doch wahr. Der Gute braucht Ausdauer, wenn er dich beglücken will.«
»Haha.« Amba wusste noch gar nicht, ob sie von ihm beglückt werden wollte.
»Du hast ihn doch gefragt, wie lange er bleibt? Hat er dir erzählt, wieso er überhaupt in der Stadt ist?«
»Hast du noch keinen Backgroundcheck gemacht?« Es war ein Scherz, doch Isas koketter Augenaufschlag ließ Amba am Spaßgehalt der Frage zweifeln. »Hast du nicht?«
Isa erhob die Hand und hielt sich Daumen und Zeigefinger vor ein Auge. »Nur so ein winziges bisschen. Ganz harmlose Internetrecherche. Heutzutage geben Leute alles über sich freiwillig preis.«
Amba ließ sich in die Kissen zurückfallen. »Ich muss wohl dankbar sein, dass kein Detektiv im Spiel war.«
»Wie altbacken. Und wie gesagt, das ist gar nicht mehr nötig.« Isa spitzte die Lippen. »Du hast keine Ahnung, was er arbeitet und was seine Eltern machen, oder?«
Interessant, dass Isa sogar die Eltern recherchiert hatte. Das weckte Ambas Neugier, aber nicht genug, um sich die Blöße zu geben nachzufragen. »Er hat noch nichts über seinen Job erzählt.«
Isas Grinsen verriet, dass ihr Björns Beruf zusagte.
»Und wozu sollte ich nach der Arbeit der Eltern fragen? Ich kenne sie ja gar nicht.«
»Für ein Treffen mit den Eltern ist es wohl auch noch etwas früh.«
»Du bist eine ganz schöne Humanistin«, konterte Amba den Snobismus ihrer Freundin. Viele der Naturgeister hatten die kapitalistischen Ideen der Menschen adaptiert, seit sie in ihren Städten lebten. Sie passten sich so sehr an, dass sie von ihnen kaum zu unterscheiden waren. Manche von ihnen pflegten nicht nur Freundschaften, sondern auch Liebesbeziehungen zu Menschen, so wie Isa. Sie war als Windgeist eher sprunghaft und kostete das Leben in einem Körper in vollen Zügen aus.
»Ja, ich stehe auf Luxus, ich gebe es zu. Und weil ich dich gernhabe, kümmere ich mich darum, dass du auch was davon abbekommst.«
Amba zog eine Augenbraue hoch. »Hast du mir deshalb zugeredet, ihn zu daten? Du recherchierst doch nicht etwa jeden Like-Kandidaten meiner Dating-App?«
Isa zuckte mit den Schultern. »Nicht jeden.«
Amba pikste Isa mit dem Finger, die kichernd abwehrte.
»Ich lasse dir nur denselben Service angedeihen wie mir. Und immerhin entscheidest du selbst.« Sie zog eine Schnute. »Und es hat ewig gedauert, dich nach dem Till-Fiasko wieder auszuwildern.«
»Hey.« Ein erneuter Zeigefingerkampf brach aus, bei dem sie sich gegenseitig in die Rippen zu treffen versuchten.
»Du solltest noch mal darüber nachdenken, ob du es vielleicht nicht doch lieber so halten willst wie ich und dich nicht auf Männer festlegst. Da ist die Erfolgsquote höher«, verteidigte sich Isa lachend und Amba ließ von ihr ab. Manchmal wünschte sich Amba, sie könne so gelassen in Romanzen schlüpfen, doch ihr Herz wollte, was es wollte. Nichts konnte es davon abbringen, auch wenn das Ziel ihres Begehrens nicht zu haben war.
»Aber das war doch jetzt ein guter Neustart mit dem Bärengeist«, frohlockte Isa.
»Ich finde Björn gut«, gab Amba zu.
»Das klingt definitiv nicht nach einem Nein zu weiteren Treffen.« Isa wackelte mit den Augenbrauen. »Wie lange bleibt er denn nun?«
Amba zupfte an Isas Locken. »Ein paar Wochen.«
Sie konnte sehen, wie Isa auszurechnen versuchte, wie viele Dates in ein paar Wochen möglich wären und wie nahe sich die beiden dabei kommen könnten.
»Da müsst ihr euch aber ranhalten. Weiß er, wie stressig das wird?«
Amba nahm eines der Kissen und legte es Isa ins Gesicht. »Sei nicht immer so frech. Nicht alle sind Sprinter.«
Während Isa alle viere von sich streckte, als würde Amba Druck ausüben, fragte sich diese, ob sie mit Björn weiter gehen würde als bis zu Dates. Nur ein einziges Mal hatte sie sich zu einem One-Night-Stand hinreißen lassen, weil ihr körperliche Intimitäten fehlten, und schnell gemerkt, dass ihr die emotionale Komponente zu wichtig war, um sie auszulassen. Aber Liebe auf den ersten Blick war es mit dem Schweden schon mal nicht.
Isa zog das Kissen von ihrem Gesicht. »Willst du wissen, was seine Eltern machen?«
»Das lässt dich nicht los.«
»Weil ich es cool finde. Sie haben eine Firma für mechanische Attrappen, die Kreaturen für Filme baut.«
»So was wie Riesenaffen, radioaktive Echsen und den weißen Hai?«
Isa quietschte begeistert und strampelte mit den Beinen. »Aber das ist noch nicht alles. Nebenbei arbeiten sie für eine Tierschutzorganisation und besuchen Zoos und Tierparks, um Tiere für Auswilderungen freizukaufen.«
Angenehm überrascht zog Amba die Augenbrauen hoch. »Und wieso begleitet Björn sie?«
»Ach, plötzlich doch interessiert?« Isa wandte das Gesicht ab, die Nase hoch erhoben, und verschränkte die Arme. Doch gleich darauf blickte sie Amba mit einem Glitzern in den Augen an. »Er ist Anwalt.«
Amba stöhnte innerlich. Imran war auch Jurist. Wieso musste Björn ebenfalls in diesem Berufsfeld arbeiten? Sie wollte keine Vergleiche zwischen ihnen anstellen.
Isa zog die Augenbrauen hoch. »Wieso schaust du so entsetzt?«
In diesem Moment kam Imran zurück und war schon sehr nahe, als sie ihn bemerkten. Amba schoss sofort die Röte ins Gesicht, so unangenehm war es ihr, dass er ihr Gespräch gehört haben könnte. Doch er ließ sich nichts anmerken, reichte ihr ihren Eistee und Isa einen neuen Drink, süß und fruchtig, wie sie es gerne hatte. Ungezwungen platzierte er sich erneut auf Ambas freier Seite, dieses Mal ein bisschen näher als zuvor, wie ihr schien, denn für einen Moment streifte sein Arm den ihren. Prompt verschluckte sie sich an ihrem Getränk, doch Isa rettete den Moment, indem sie aufsprang, die hustende Amba umrundete, sich auf Imrans Schoß setzte und ihm die Arme um den Hals schlang. Amba war ihr dankbar, dass sie ihn ablenkte, und gleichzeitig missfiel es ihr, dass Isa ihm so nahe kam. Unangebrachter Neid wallte ungebeten in Amba auf. Von einem heftigen Fluchtinstinkt beflügelt, trank sie in einem Zug den Tee aus und schulterte ihre Tasche, während sie sich erhob. Dabei verschluckte sie sich erneut, fing sich jedoch mit zwei in die Ellenbeuge getarnten Hustern. Am liebsten wäre sie ohne ein Wort davongestürmt, doch sie wollte nicht, dass Imran ihr Verhalten seltsam fand. Deshalb hielt sie inne. »Ich geh dann mal.«
»Oh nein!« Isa blickte sich mit gerecktem Hals um und wies in eine Richtung. »Du hast Charlotta noch gar nicht gesehen. Da steht sie. Willst du noch Hallo sagen?«
Tatsächlich stand Charlotta Amba nach Isa, von allen aus ihrem direkten Freundeskreis, am nächsten und sie hätte sich sehr gefreut, sie zu sehen. Doch in dunkler Vorahnung, dass das Gespräch dann erneut auf ihr Date kommen könnte, und in ihrem Bestreben, nicht noch mehr über Björn zu erzählen, während Imran womöglich daneben saß, winkte Amba ab. »Sag ihr Hallo und Tschüss von mir.« Charlotta würde ihr nachsehen, dass sie nicht für sie geblieben war. Vor allem an einem Arbeitstag.
»Komm gut nach Hause«, sagte Imran und als Isa von seinem Schoß aufsprang, um Amba zu umarmen, konnte auch er sich erheben. Beschämt, wie zufrieden Amba damit war, dass die beiden sich voneinander gelöst hatten, drückte sie Isa fest an sich.
»Schlaf gut, mein Bäumchen.«
Dann stand Amba vor Imran, plötzlich nur noch zu zweit in der Sofaecke.
Er trat einen Schritt näher. Seine Kupfergeistenergie knisterte um ihn herum, als hätte er einen ganzen Bund an Wunderkerzen entzündet. Sie liebte dieses Geräusch und fragte sich, worüber er sich wohl freuen mochte.
Er nahm ihre Hand und drückte sie, wie er es bestimmt schon tausendmal getan hatte. Als er sie wieder losließ, schien es Amba plötzlich viel kälter zu sein und unwillkürlich rieb sie sich die Finger. Dann gähnte sie herzhaft, was ihr Tränen in die Augen trieb.
»Schlaf gut«, sagte er zum Abschied.
»Du auch.«
Es kostete Amba Überwindung, sich abzuwenden und die Terrasse zu verlassen. Die gesamte Fahrstuhlfahrt über blickte sie an die Decke, als könne sie Imran dort oben noch sehen. Erst als sie das Gebäude hinter sich gelassen und den U-Bahnhof betreten hatte, löste sich die Sehnsucht langsam in abendlicher Erschöpfung auf.
