Tötet uns alle

Tötet uns alle von Dan Wells

Klappentext: Alle drei Romane der »Partials«-Saga in einem Band: Den Krieg gegen die Partials, künstlich erschaffene Menschen, haben nur wenige tausend echte Menschen überlebt. Sie haben sich seitdem nach Long Island zurückgezogen und versucht, eine neue Gesellschaft aufzubauen. Die 16-jährige Kira begibt sich mit einer Gruppe Verbündeter nach Manhattan, ein Gebiet, das die übermächtigen Partials beherrschen. Als es den Menschen gelingt, einen der Partials zu fangen, wird Kira dazu auserwählt, ihn zu untersuchen und zu befragen. Und dabei entdeckt sie, dass nicht nur die Menschen, sondern auch die Partials vor dem Untergang stehen – und beide mehr gemeinsam haben, als sie ahnten.

Genre: Sci-Fi, Postapokalypse

Cover

Das Cover ist schlicht. Es besteht aus Farbe und Schrift, brennende Worte auf schwarzem Hintergrund. Das ist nichts Aufregendes, aber trotzdem ein Hingucker. Für ein Kompendium von drei Romanen passt es gut, weil es nicht viel aussagt. Das finde ich allerdings auch etwas schade. Der Inhalt der drei Bücher unterscheidet sich nicht so stark, dass ein Bildcover abwegig gewesen wäre. Mir fehlt die Stimmung, die individuell auf die Geschichte hinweist. Dieses Cover könnte auch für tausend andere Bücher verwendet werden.

Inhalt

Die menschliche Zivilisation ist vor über einem Jahrzehnt zerstört worden. Zuerst rebellierten die biosynthetischen Soldaten gegen ihre Sklavenhaltung, dann griff eine Seuche um sich. Der Rest der Menschheit haust auf Long Island in den Ruinen. Doch ihre Immunität gegen das RM Virus wird nicht auf ihre Nachkommenschaft übertragen, so dass kein einziges Baby die ersten Tage nach der Geburt überlebt. Auch die biosynthetischen Soldaten sterben. Sie haben ihr Verfallsdatum erreicht.
Beide Parteien leben immer noch in inbrünstigem Hass vor der anderen Gesellschaft. Die Menschen glauben, dass die Partials RM verbreitet haben und beschuldigen sie des Völkermordes, die Partials verurteilen die Menschen immer noch, weil sie sie unterdrückt haben.
Alle drei Bücher handeln von den Bemühungen beider Seiten eine Lösung für ihr Problem zu finden. Dabei bedienen sich alle moralisch verwerflicher Mittel.
Mittendrin steht Kira, eine Sanitäterin der Menschen, die Partials und Menschen gleichermaßen retten will, nachdem sie erkannt hat, dass die Partials nicht die Ungeheuer sind, für die sie sie gehalten hat. Hinter dem Weltuntergang, RM und dem Verfallsdatum steckt mehr, als sie wissen. Die Suche nach Antworten beginnt.

Gedanken beim Lesen

Diese Kritik hat nur am Rande etwas mit meinem Gesamturteil über das Buch zu tun. Es sind spontane Emotionen und Eindrücke.

Was habe ich mich über das Zukunftsgesetz aufgeregt. Das ist wirklich gut gemacht. Diese Selbstverständlichkeit mit der die Regierung Frauen zu Gebärmaschinen degradiert, um das Überleben der Menschheit zu sichern. Die Selbstverständlichkeit mit der die weibliche Bevölkerung diesen Umstand allerdings hingenommen hat, war mir zu vordergründig. Den intimen Übergriff auf den eigenen Körper hätte der Autor besser betonen können. Das ist schrecklich und sollte mehr Schrecken enthalten.

Alle Charaktere haben eine eigene Persönlichkeit und unterscheiden sich sehr voneinander. Das unterstützt auch ihre jeweilige Reaktion auf Situationen. Das war interessant zu vergleichen. Auch wenn Marcus mir hin und wieder zu gewollt lustig war. Was ich einseitig fand war die Lösungsstrategie der Leute. Egal ob Partial, Mensch, alt, jung, alle haben nur eine Lösung für ihre Probleme gesehen: Gewalt. Das ist schade, gibt es doch viele andere Möglichkeiten und Wesenszüge im Menschen.

Je weiter die Handlung fortschreitet, umso mehr Logikfehler haben sich eingeschlichen. Klar, es ist eine komplexe Verstrickung von Umständen und es kommen jede Menge Leute vor. Aber hin und wieder wissen Charaktere von Dingen, die sie nicht wissen können. Zum einen hätten sie mit dem Wissen anders handeln müssen. Oder sie hatten keinen Kontakt zu Personen, die ihnen die Wissenslücken hätten füllen können. Dr. Vale zum Beispiel, weiß plötzlich von der Luftübertragung, nutzte aber Jahrelang die Extraktionsmethode. Das ist doch viel aufwändiger und er war auch davon überzeugt, es ginge nicht anders. Wo kommt plötzlich die Erkenntnis für die Übertragbarkeit über die Luft her. Aber sein Verhalten verstehe ich am Ende eh nicht mehr.

Im zweiten Teil hadere ich sehr mit Kira. Sie zieht Rückschlüsse, die sehr verwirrend sind und lässt sich von vielen Leuten einreden, sie müsse, könne oder solle etwas tun. Ihre Argumente, mit denen sie ihnen teils zustimmt, sind sehr konstruiert. Manchmal wollte ich sie dafür gerne Ohrfeigen.
Ihr Hin und Her zwischen Marcus und Samm finde ich auch unnötig. Es hat mit der Geschichte und der Entwicklung der Beziehung zwischen den Partials und den Menschen nichts zu tun, stört eher. Die Dreierbeziehung hätte ohne Effekt gestrichen werden können, finde ich.
Außerdem hat Kira einfach zu viel Glück. Sie rauscht los, um die Welt zu retten, hat einen chaotischen Pseudoplan und dann geht alles schief. Mission failed, aber Ziel trotzdem erreicht, weil irgendein Zufall ihr geholfen hat.

Hin und wieder purzelt ein unnützes Ereignis durch die Handlung. Hauptsächlich geht es mir dabei um Tode. Puff und tot kommt in der Geschichte häufig vor und oft ist es wie ein Ballastabwurf. Als wolle man Leute loswerden, um neue einbringen zu können. Es gäbe allerdings auch andere Methoden, als der Todesschlag, um sie aus der Handlung zu nehmen. Das war ein bisschen enttäuschend. Teilweise wirkt es wie ein abgewürgter Handlungsstrang.

Was ist mit diesen Kiementypen aus Chicago? Wer hat sie geschickt? Wieso fragt Kira Doktor Morgan nicht danach? Und wieso wollen sie sie betäuben, alle anderen, die sie ausbluten lassen wollen, töten sie einfach.

Gegen Ende wird es recht unlogisch. Es schneit wie die Hölle und die Menschen fliehen. Aber wo könnten sie hin, um den Winter zu überleben. Ständig wird beschrieben, dass alles außerhalb von Long Island vergammelt und verfallen ist, selbst die Konserven sind am Verfaulen und plötzlich soll ein Überleben von mehreren zehntausend Personen irgendwo in der Wildnis machbar sein, im Winter? Und die Partialarmee flitzt hinter den Flüchtenden her, um alle rachsüchtig umzubringen und schleppt Gefangene von der Basis aus mit? Außerdem läuft bei einigen tausend das Verfallsdatum ab. Der Partial in Kiras Truppe kann kaum noch laufen. Wie befördern die Partials ihre Verfallenden und sind trotzdem schneller als die Flüchtlinge? Und dann ploppt Samm aus der Versenkung auf, viel schneller aus dem Ödland zurück als alle anderen rennen können.

Résumé

Abgesehen von meinem Fazit, werde ich Punkte vergeben. Das wird allerdings anders aussehen, als üblich. Bei mir gibt es nämlich keine Sterne. Ich vergebe an meine Lektüre Federn und Tintenkleckse. Das Prinzip funktioniert ganz einfach. Für Aspekte, die mir besonders gut gefallen, gibt es eine Feder, für Schnitzer, über die ich nicht hinwegsehen kann, gibt es einen Klecks. So kann es durchaus passieren, dass ein Buch auch mal weder eine Feder noch einen Klecks bekommt.

Feder für das Bühnenbild. Eine passende und gut dargestellte Beschreibung der untergegangenen Welt.

Feder für die mannigfaltigen Charaktere, die alle einzigartig waren.

Klecks für die Logikfehler, Ungereimtheiten und dauerhaft auf Glück und Zufall basierenden Ereignisse.

Klecks für die unmotiviert erscheinenden Ballasttode. Nebencharaktere sind mehr als Werkzeuge.

„Tötet und alle“ ist eine tolle postapokalyptische Sci-Fi Geschichte mit kleinen Schwächen. Ich mag das Setting verfallener Städte und vergifteter Regionen. Auch wenn ich das Wort Kudzu nicht mehr hören kann, war die nostalgische Stimmung von Verlust sehr gut gemacht. Zum Haare raufen inszeniert war die Wechselwirkung von Misstrauen und Rassismus. Es war toll und nervig zu lesen, wie blind die Vorurteile die Protagonisten gemacht haben. Das war realistisch. Manches war mir zu kurz, anderes zu lose, aber alles in allem war die Geschichte spannend.

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Fantasybuch