Vernichtung – Die Ankunft

Vernichtung – Die Ankunft von Joshua Tree

Klappentext: Unser Planet – ihr Krieg

In der Neujahrsnacht 2019 tauchen unbekannte Flugobjekte über Europa auf und entfachen ein Inferno der Gewalt – untereinander. Das Trümmerstück eines der Raumschiffe geht auf Athen nieder und verwandelt die Innenstadt in einen rauchenden Krater. Der zerstörte Rest der ehemaligen Metropole wird vom Militär zur Sperrzone erklärt und abgeriegelt. Inmitten der wenigen Überlebenden, die um Nahrung, Medikamente und sauberes Wasser kämpfen, kümmert sich Nikos um seine Freundin Maria, nur um bald herausfinden zu müssen, dass es zum Abwenden eines schleichenden Todes nur einen Ausweg aus der Hölle von Athen gibt: Das Wrack des Alienschiffes, das wie ein kilometerhoher Splitter aus dem Einschlagkrater ragt. Seltsame Lichter bei Nacht, Anomalien in seiner Nähe und unheimliche Wetterphänomene lassen nur einen Schluss zu: Der Splitter birgt Geheimnisse aus den Tiefen des Alls – Geheimnisse, die über die Zukunft der Menschheit entscheiden könnten.

Genre: Sci-Fi

Cover

Farblich ist das Cover wenig spektakulär, muss es aber auch nicht sein. Es zeigt ein kristallines Gebilde, das von Hubschraubern umschwirrt wird. Die Szene ist bedrohlich und düster. Ich finde, dass es zum Inhalt passt und einen guten Hinweis darauf liefert, was im Buch vor sich geht, ohne zu viel zu verraten.

Inhalt

Nikos ist ein griechischer Junger Mann, dessen normales Leben durch den Absturz von Trümmerteilen eines Alienraumschiffs plötzlich endet. Er findet sich im zerstörten Athen in einem harten Überlebenskampf wieder. Doch es geht nicht nur darum zu überleben, sondern auch herauszufinden woher die Aliens kommen, ob es noch mehr von ihnen gibt und wie der Rest der Welt aussieht.

Gedanken beim Hören

Ich liebe dystopische Geschichten und diese macht Freude beim Zuhören (beim Lesen bestimmt auch). Das Setting finde ich klasse. Die Ungewissheit, die Hinweise und das Verhalten der Überlebenden und Außenstehenden ist toll miteinander verflochten, so dass ein authentisches, düsteres Gesamtbild entsteht.

Ich finde die Anomalien eine interessante Idee. Sie runden die nicht greifbare, unverständliche Bedrohung ab.

Den Anführer der Sammler und die Unterhaltung über die Grenzen von dem, was man in so einer Situation tun sollte, finde ich gut gemacht. Es ist etwas schade, dass er später lapidar als Alienliebhaber abgetan wird und keine Rolle mehr spielt. Aber es passt zur Geschichte, da ein Perspektivwechsel stattfindet. Ich bin gespannt, ob er im Folgeteil noch einmal auftaucht.

Die Geschichte steckt voller Platidüden und Klischees. Gerade zu Beginn werden sie gehäuft genutzt. Männer sind so, Frauen sind so, Griechen sind so. Das ist ein überholtes Gesellschafts – und Rollenbild. Ich konnte es mir nicht verkneifen mit den Augen zu rollen, wenn mal wieder so ein Spruch kam.

Nikos hat einen Beschützerfimmel für Frauen. Erst sind es seine beiden Freundinnen, die er am Händchen nimmt, um sie zu retten, dann ist es seine Begleiterin, als er in das Alienartefakt absteigt und die Krönung war der Umgang mit der Elitesoldatin. Ständig reitet der Autor darauf herum, wie klein und zierlich sie doch ist. Und dann überredet Nikos der Zivilist sie, dass er ihren Kram trägt inklusive Gewehr. Das ist wirklich nervig und eine Dauerschleife eines festen Rollenbildes. Frauen sind klein, zierlich und müssen beschützt werden. Die Männer sind riesig und breit wie die Bären.

Etwas erschrocken war ich über die Darstellung der inneren Haltung der Protagonisten gegenüber indigenen Bevölkerungsgruppen. Nicht wegen der Pfeil und Bogen Analogie, sondern wegen der nebensächlichen Herabwürdigung, die einen unguten Beigeschmack im Subtext erzeugt und für die Handlung vollkommen irrelevant war.
In der Handlung ging es darum, ob die Aliens reagieren, wenn sich die Menschen an ihren Objekten zu schaffen machen. Pfeil und Bogen vs. Panzer mit Panzer vs. Alienraumschiff zu vergleichen leuchtet noch ein, auch wenn Stöcke und Steine ähnlich nutzbar gewesen wären und bei einem deutschen Soldaten als Analogie wohl naheliegender als amerikanische indigene Bogenschützen. Aber das wäre jetzt etwas kleinlich. Worum es geht ist die rassistische Reaktion der Soldaten, die Helden der Geschichte sind.
Der Vorgesetzte fragt beim Briefing, wie viele Sorgen sich die Soldaten machen müssen, wenn sie in einem Panzer sitzen und auf zwei Indianer mit Pfeil und Bogen zuhalten. Die Antwort eines Soldaten lautet: Keine, ich würde den Rothäuten was mit der Browning geben. Daraufhin wird gekichert, gegrölt und mit Fistbumb gefeiert.

Spätenstens an dieser Stelle drängte sich mir der allgemeine Eindruck auf, dass der Autor Rollenbilder aus den vorigen Jahrhunderten einbaut, ohne sich der rassistischen und sexistischen Folienvorlage bewusst zu sein. Genau solche subtilen Nebensächlichkeiten in modernen Texten erhalten und bestärken negative Klischees und Ressentiments. Wirklich schade.

Résumé

Abgesehen von meinem Fazit, werde ich Punkte vergeben. Das wird allerdings anders aussehen, als üblich. Bei mir gibt es nämlich keine Sterne. Ich vergebe an meine Lektüre Federn und Tintenkleckse. Das Prinzip funktioniert ganz einfach. Für Aspekte, die mir besonders gut gefallen, gibt es eine Feder, für Schnitzer, über die ich nicht hinwegsehen kann, gibt es einen Klecks. So kann es durchaus passieren, dass ein Buch auch mal weder eine Feder noch einen Klecks bekommt.

Ich vergebe eine Feder für das endzeitliche Setting und die passende Stimmung, die der Zuhörer (oder Leser) aufgrund der Beschreibungen gut nachempfinden kann.

Ich vergebe gleich zwei Tintenkleckse für die Schubladenhafte mit Ressentiments beladene Darstellung von Völkern und Geschlechterrollen. Das hat mich immens gestört und ist bei einem jungen Autoren, der in Zeiten lebt, in denen das Umdenken in der Gesellschaft zu solchen Themen im Vordergrund steht, sehr überraschend.

Vernichtung – Die Ankunft ist eine sehr gute dystopische Aliengeschichte aus Sicht der Menschen. Das angerissene Warum und Wieso der Angriffe finde ich erfrischend. Das wir uns in Europa befinden, gefällt mir sehr gut und der Autor schafft es glänzend das Chaos und die Ungewissheit nach einer solchen Katastrophe in Szene zu setzen.
Allerdings muss ein Zuhörer (bzw Leser) vollkommen unsensibilisiert für Themen wie Sexismus oder auch Rassismus sein, um die sich ständig wiederholenden negativ behafteten Rollenbilder ignorieren zu können. Vor allem da die betreffenden Sätze keine Handlungsrelevanz haben. Das hat mir das Hörvergnügen sehr verhagelt.